MÄCHTE - AUTORENMAGAZIN FÜR MEDIEN, KUNST UND POP

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Die Freiheit der Kunst ist ein göttliches Geschenk. Der Künstler sollte ein Feigling sein.

Ein Gespräch mit Mächtild 1 über die Macht kleiner Götzen und die Befreiungskräfte von öffentlichen Versteigerungen.
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Vielleicht erklären wir kurz, wie es zu deiner Aktion gekommen ist: Eigentlich hattest du uns einen Text für diese Ausgabe angeboten. Du wolltest über die kleinen alltäglichen Götzen in deinem Leben schreiben …


… von Dingen, die von mir Besitz ergriffen hatten.


Was für Dinge?


Eine Spardose, ein Zinnsoldat, ein Buch usw. – insgesamt elf Stück. Alles Sachen, die sich Macht in meinem Leben erschlichen haben, ganz allmählich – bis jede einen Teil von mir gefangen genommen hatte.


Wie muss man sich das konkret vorstellen?


Na, zum Beispiel hat mir mein Großonkel einmal, als ich noch klein war, ein Überraschungsei mitgebracht. Darin war ein Metallsoldat als Gadget – ein Musketier. Als ich das gelbe Plastikei im Inneren des Schokoeis aufmachte und wir beide entdeckten, dass der kleine Soldat darin ist, war mein Onkel ganz aus dem Häuschen. Er war ein bisschen militaristisch angehaucht. Mit den besten Absichten hat er zu mir gesagt, dass der Musketier jetzt mein Glücksbringer im Lebenskampf sei. Ich glaube bis heute daran.


So ein Glücksbringer kann doch von Vorteil sein – wenn er funktioniert.


Ich kann doch mein Glück nicht vom Inhalt eines Überraschungseis abhängig machen. Außerdem geht die Geschichte noch weiter: Der Musketier hebt die eine Hand, und diese Hand sieht irgendwie beschädigt aus. Wie halb abgeschossen. Für mich ist das ein Omen. Ich denke immer, dass ich irgendwann für all das geschenkte Kämpferglück bezahlen muss. Genau das meine ich, wenn ich von In-Besitz-Nehmen spreche. Dieses kleine Männchen beherrscht meine Hoffnungen und Ängste. Das geht doch wohl zu weit.


Ein anderer deiner Götzen ist ein Spazierstock. Dein Vater hat ihn zu deiner Züchtigung benutzt.


Noch verrückter: Es ist nicht der Stock meines Vaters. Ich hab das Ding auf einem Trödelmarkt gekauft, weil er mich an den Stock meines Vaters erinnert.


Aber dann ist es doch auch kein richtiger Götze?


Doch, er hat genau wie die anderen Dinge von mir Besitz ergriffen. Er bestimmt die Erinnerung an meinen verstorbenen Vater. Ich finde zu Unrecht. Mein Vater hat mich lediglich einmal damit geschlagen. Als ich ihn angelogen hatte und es nicht zugeben wollte, ist er außer sich geraten. Im Zorn hat er nach dem Stock gegriffen und zugeschlagen. Für ihn war es, wie ich glaube, schlimmer als für mich. Er hat sich als Versager gefühlt. Als einer, der nur noch zuschlagen kann. Dieser Moment hat sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Er bestimmt beinahe das ganze Bild meines Vaters. Ich will das Bild wieder aufschließen.

Es geht dir also nicht darum, diesen wichtigen Moment aus deinem Gedächtnis zu tilgen?


Genau. Ich will ihn aber entzaubern, damit auch andere Momente, die vielleicht viel wichtiger für die Erinnerung an meinen Vater sind, wieder erscheinen können – in der ihnen gebührenden Bedeutung.


Welche denn?


Weiß ich noch nicht. Zuerst muss der Götze erledigt werden. Erst dann sehe ich, was anderes hochkommt.


Du hast den Text dann doch nicht geliefert. Warum?


Der Gedanke an die Veröffentlichung hat mir Angst eingejagt. Bei den Götzen geht es um sehr persönliche Erfahrungen. Und Schreiben ist auch eine sehr persönliche Sache.


Wir fanden deine sehr Idee schön. Um den Text doch noch möglich zu machen, haben wir dir angeboten, ihn unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Wir haben den Namen Mächtild für dich erfunden. Genauer gesagt Mächtild 1. Denn das Modell könnte ja in Serie gehen. ann gibt es irgendwann vielleicht einmal Mächtild 2 und Mächtild 3 mit ganz anderen Projekten. Du hast zuerst eingewilligt, schließlich aber die Arbeit an deinem Text abgebrochen, weil er keinen Sinn mehr für dich hatte. Warum genau?


Mir ging es ja nicht in erster Linie ums Schreiben. Der Text war für mich eher ein Mittel zum Zweck. Er sollte mein Werkzeug sein, mit dem ich die kleinen versteinerten Götzen loswerden würde. 


Es ist ein weitverbreiteter Glaube, dass Schreiben dabei hilft, die eigenen Dämonen zu besiegen: von ihnen und ihrer Macht zu erzählen und sie damit zu überwinden.


Ja, daran habe auch ich geglaubt. Aber es kam noch etwas anderes hinzu. Ich erhoffte mir auch von der Veröffentlichung einen befreienden Effekt, obwohl ich – wie gesagt – auch Angst vor der Öffentlichkeit hatte.


Warum befreiend?


Es ist der Verrat: Wenn ich die kleinen lächerlichen Geheimnisse, die mich an die Götzen ketten, öffentlich ausplaudere, ist das so eine Art Aufkündigung eines geheimen Bündnisses.


Dein Glaube ans Schreiben hat sich aber nicht erfüllt.


Ich hatte das Gefühl, den Götzen einen literarischen Rang zu verleihen. Und sie damit auf ewig in mein Leben einzuschreiben. Das will ich ja gerade nicht.


Das Projekt drohte zu scheitern. Wir waren enttäuscht. Also haben wir uns zusammengesetzt und überlegt, wie du deine Götzen doch noch loswerden könntest. Die Lösung ergab sich wie von selbst und sie hieß: verkaufen.


Öffentlich verkaufen!


Warum öffentlich?


Weil darin die Befreiung liegt.


Wir hatten also die Idee des Pseudonyms und die Idee des öffentlichen Verkaufs. Eine Versteigerung auf eBay schien dir die perfekte Lösung zu sein. Wieso?


eBay war ursprünglich eine Plattform für Privatauktionen. Dort wird oft unter Pseudonymen angeboten. Die öffentliche und anonyme Befreiung von Besitztümern, die ihrerseits von uns Besitz ergriffen haben, ist also die ursprüngliche Bestimmung von eBay.


Befreiung vielleicht. Aber doch eher von Fehlkäufen oder Klamotten, die nach der Diät nicht mehr passen ...


Wer weiß? Vielleicht stecken öfter, als man denkt, Geschichten dahinter, die nicht erzählt werden, um Irritationen beim Verkauf zu vermeiden. Ich möchte meine Geschichten jedenfalls nicht verschweigen, sondern zum Teil des Verkaufsprozesses machen.


Also hast du am Ende doch geschrieben.


Ein paar kurze Sätze zu jedem Götzen. Ohne den Anspruch, etwas Schönes oder sprachlich Interessantes zu produzieren. Das war an sich schon befreiend.


Dennoch siehst du das Ganze als Kunstaktion.


Ja, es ist Kunst.


Wieso ist es Kunst?


Weil ich es sage.


Vielleicht ist es ja nur ein bequemer Weg, seine Vergangenheit umzuarbeiten. Und auch ein bisschen feige.


Das ist es mit Sicherheit auch.


Du bist also feige?


Aber sicher.


Du scheinst das nicht als Vorwurf aufzunehmen?


Feigheit ist eine der großen unterschätzten Produktivkräfte. Sie hat uns weit gebracht. Wo ständen wir denn heute, wenn unsere Vorfahren gegen den Säbelzahntiger Mann gegen Katze gekämpft hätten. Nein, nein, auflauern und hinterrücks abstechen. Das war die Erfolgsformel gegen den Säbelzahntiger.


Vielleicht weißt du es nicht, aber anderswo werden mutige Menschen bewundert.


Mag sein. Aber warum werden Feiglinge verachtet?


Weil sie sich zum Beispiel hinter einem Pseudonym Dinge erlauben, die sie sich in ihrem eigenen Namen niemals trauen würden.


Es geht ja um die Dinge. Um die Kunst und nicht um die Person. Feigheit bedeutet für die Kunst unendlich viel. Indem sich der Künstler den gewöhnlichen Gewalten entzieht, sich vor ihnen zurückzieht, erwirbt er die Chance, frei von ihnen zu werden.


Feigheit hat für dich in der Kunst also etwas mit Freiheit zu tun?


In doppeltem Sinne. Feigheit ermöglicht dem Künstler erstens, etwas zu tun, das er ansonsten vielleicht nicht getan hätte. Dafür steht das Pseudonym. Dann gibt es aber noch etwas Wichtigeres: die Beziehung der Feigheit des Künstlers und der Freiheit der Kunst. Die Freiheit der Kunst ist ein Geschenk Gottes.


Was bedeutet das?


Die Kunst ist so frei wie Gott.


Der Künstler auch?


Keiner ist wie Gott. Der Künstler ist nur einer, der mit dem Gottesgeschenk der Freiheit zurande kommen muss oder will. Er will etwas daraus machen.


Und die Feigheit?


Die Feigheit ist eine gute Strategie, sich gegenüber der Freiheit der Kunst zu verhalten.


Warum gerade die Feigheit?


Sie akzeptiert, dass es Größeres gibt als uns. Gott zum Beispiel oder seine Geschenke – z. B. die Freiheit der Kunst. Man geht in Deckung, versteckt sich und schaut sich die Dinge mit Abstand an. Aber nicht nur die offensichtlich großen Dinge. Manche Künstler sind sogar zu feige, in den Alltag einzutauchen. Hinter allen Dingen lauern riesige Zudringlichkeiten.


Zudringlichkeiten? Meinst du Gefahrenquellen – so wie die heiße Herdplatte in der Küche?


So nicht. Der feige Künstler sieht, dass uns die alltäglichen Dinge in Beschlag nehmen. Davor fürchtet er sich. Er sieht wie durch ein starkes Vergrößerungsglas, wie uns die heiße Herdplatte abverlangt, ihr den Saft abzudrehen oder sie für unsere Zwecke zu benutzen, zu kochen etwa. Das kann unerträglich sein.


Unerträglich? Wenn der Künstler nicht kochen kann?


Nein, im Ernst: Manche fassen vielleicht lieber mit der Hand auf die heiße Herdplatte als den Geboten des Alltags zu gehorchen.


Viel Spaß dabei.


Als Künstler habe ich natürlich noch andere Möglichkeiten, der heißen Herdplatte gegenüberzutreten – jenseits der üblichen Wege. Vielleicht beschieße ich den Herd mit Pfeil und Bogen, schön feige, aus der Distanz. Dann habe ich womöglich eine neue Form der Herdbemeisterung gefunden. Etwas geschaffen.


Melde die Methode doch als Patent an. Markus Lüpperts hat übrigens einmal sinngemäß gesagt, dass die Künstler die Welt mit Gott geschaffen haben.


Ist doch Unsinn. Passt aber zu ihm. Lüpperts inszeniert sich ja als Angeber und Macher. Reine Egoshow. Ich glaube nicht, dass jemand auf Gottes Ebene steht. Gott ist für den Menschen eine hoffnungslose Überforderung. Der feige Künstler weiß das und bezieht Impulse aus den Überforderungen, die mit der Freiheit der Kunst auf ihn zukommen.


Egomanie gibt es in der Kunst aber schon recht oft.


Mag sein. Aber Egomanie behindert. Lüpperts spielt vielleicht auch nur mit ihr – als Maske. Kann ja sein, dass er dahinter ganz feige ist. Wenn man aber eine Maske zu lange trägt, verwächst sie vielleicht irgendwann mit einem. Egomanie kennt nur sich selbst. Das Ego ist dann zu voll, als dass noch etwas aufgenommen werden könnte. Der feige Künstler ist leer. Er lässt sich von größeren Kräften bewegen. Er tritt nicht als Person, sondern unter einem Pseudonym auf. Auf diese Weise ist er zu allem bereit.


Wirklich zu allem? Auch zu geächteten Regelverstößen? Zu Zerstörungen? Oder Verbrechen?


Davon ist nur die Zerstörung ein brauchbarer Begriff. Aus der Perspektive der Kunst sind doch gesellschaftliche Regeln und Verbrechen völlig gleichgültig.



Das komplette Gespräch mit Mächtild 1 über die Macht kleiner Götzen, aber auch über Blutkunstwerke und die Stockhausen-Falle gibt’s in MÄCHTE Nummer 2.


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